Verantwortung im Städtebau im Umgang mit Bestand, Leerstand, Ressourcen und räumlichem Erbe

Brünner, Karina and Schwab, Eva and Degros, Aglaée (2026) Verantwortung im Städtebau im Umgang mit Bestand, Leerstand, Ressourcen und räumlichem Erbe. EVERYBODY PLANS ... SOMETIMES. Cherish Heritage, Plan Now, Create a Better Future! Proceedings of REAL CORP 2026, 31st International Conference on Urban Development, Regional Planning and Information Society. pp. 1023-1034. ISSN 2521-3938

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Abstract

Dieses Paper beschreibt, wie die Verantwortung im Städtebau und in der Architektur aus heutiger Sichtverstanden werden soll, insbesondere in Bezug auf bestehende Bausubstanzen, Leerstände, Ressourcenknappheit und räumliches Erbe. Die zentrale empirische Grundlage stammt aus den Tischgesprächen: einem interdisziplinären Diskussionsformat, das sich mit Strategien für Leerstand und öffentlichen Raum im demographischem Wandel auseinandersetzt und Akteurinnen und Akteure aus Forschung, Verwaltung, Planungspraxis, Kultur und Zivilgesellschaft zusammenbringt. Studentinnen, Studenten, Absolventinnen und Absolventen der TU Graz haben in ihren Vorträgen verschiedene Perspektiven zur Thematik präsentiert und somit Impulse für die Diskussion geliefert. Aus diesen Gesprächen ging hervor, dass verantwortliches Entscheiden im Städtebau weniger allein aus formalen Richtlinien entsteht, sondern sich in konkrete Aushandlungsprozessen unter begrenzten Handlungsspielräumen herausbildet: zwischen räumlichem Potenzial und politischen Zwängen, zwischen wirtschaftlichem Druck und sozialen Erwartungen sowie zwischen langfristigen Visionen und kurzfristigen Bedürfnissen. Dabei wurde wiederholt ein Ohnmachtsgefühl kommunaler Akteurinnen und Akteure sichtbar, das häufig defensive, situationsbedingte Handlungsweisen begünstigt und gestaltende Ansätze erschwert. Diese alltäglichen Entscheidungen prägen die Entwicklung und das Erbe von Orten in der Steiermark – insbesondere in Kleinstädten, periurbanen Räumen und ländlichen Regionen, die einem stetigen Strukturwandel unterliegen. Unterstützende Erkenntnisse stammen aus einem parallelen Seminar der Doctoral School, in dem Vorträge und Diskussionen mit Winfried Nerdinger (Architekturhistoriker) und Ward Verkabel(Professor KU Leuven)zusätzliche theoretische Perspektiven lieferten. Nerdingers Perspektive fügt dem Inhalt eine historische und moralische Dimension hinzu. Seine Thesen zur Rekonstruktion und zur Politik der gebauten Vergangenheit betonen, dass jeder Eingriff in die bestehende Struktur zwangsläufig auch ein Eingriff in das räumliche Erbe ist. Somit betont er, wie Gesellschaften sich an Teile ihrer Geschichte erinnern, diese interpretieren und manchmal auch auslöschen. Diese Sichtweise verdeutlicht, wie Entscheidungen über Anpassung, Erhaltung oder Abriss eine spezifische historische und gesellschaftliche Verantwortung implizieren, die über Richtlinien wie Bauverordnungen und Denkmalschutz hinausgehen. Verbakels Begriff des Village Chatter ermöglicht es, räumliche Transformation als einen prozesshaften Dialog zu verstehen. Dieser Dialog entsteht aus lokalen Praktiken, Mustern und gemeinsamem Vokabular und steuert die Erwartungen und Entscheidungen. Diese Perspektive hilft, viele der in den Tischgesprächen aufgeworfenen Fragen, wie der Nachverdichtung über die Typologien bis hin zur sozialen Bedeutung von Schwellen und Gemeinschaftsflächen – als Produkte von Verhandlungen und nicht als vorgeschriebene Entwürfe zu interpretieren. Zusammen bilden diese drei Komponenten – die gewonnenen Erkenntnisse aus den Tischgesprächen, Verbakels Konzept der Planungskultur und Nerdingers Verständnis des kulturellen Erbes – die Grundlage für ein differenziertes Verständnis verantwortlichen Handelns im Städtebau. Dieses Verständnis verantwortlichen Handelns erscheint nicht als festes, unveränderbares Prinzip, sondern vielmehr als eine prozessorientierte Haltung, die durch Spannungen geprägt ist. Diese Herausforderungen treten insbesondere im Bereich der Erhaltung, Anpassung und ressourcenschonender Weiterentwicklung sowie im Verhältnis von räumlichen Möglichkeiten und sozialen Gegebenheiten. Zudem ist eine Balance zwischen Identitätsschutz und Veränderungen sowie Zusammenwirken von lokalem Wissen und formalen Strukturen erforderlich. Dieser Beitrag behandelt Themen wie den Umgang mit Leerstand, qualitative Bestandsentwicklung, räumliche Gerechtigkeit und die Verbindung von räumlichem Erbe mit vorausschauender Planung. Er zeigt, dass nachhaltige und verantwortungsvolle Lösungen dort entstehen, wo ein Austausch unterschiedlichster Wissensformen aufeinander treffen – fachliche Expertise, administrative Erfahrung, soziale Perspektiven und kulturelle Erinnerungen. Der Beitrag schließt mit der These, dass verantwortliches Handeln im Städtebau nicht durch Verordnungen zu erreichen ist, sondern durch ausgehandelte, kollaborative und lokal verankerte Praktiken, die trotz begrenzter Ressourcen Gestaltungsspielräume eröffnen müssen.

Item Type: Article
Uncontrolled Keywords: Städtebau, räumliches Erbe, Verantwortung, Ressource, interdisziplinäre Diskussion
Subjects: H Social Sciences > HD Industries. Land use. Labor
H Social Sciences > HM Sociology
N Fine Arts > NA Architecture
Depositing User: REAL CORP Administrator
Date Deposited: 05 Apr 2026 17:00
Last Modified: 05 Apr 2026 17:00
URI: http://repository.corp.at/id/eprint/1327

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